Königskasper der Dorfdisco
Georg Ringsgwandls "Ludwig II. - Die volle Wahrheit" in den Münchner
Kammerspielen
Keine Frage: Silvester muß es natürlich knallen, und daß
er es so richtig krachen lassen werde, hatte Georg Ringsgwandl, der gewesene
Oberarzt und approbierte Rock-Kabarettist, vor der Entkorkung seines schmissigen
Singspiels um Leben und Sterben von König Ludwig II. an den Münchner
Kammerspielen versprochen. Den Königstreuen im Lande hatte das allerdings
offenbar schon im Vorfeld alarmierend in den Ohren geklungen; sie argwöhnten
Majestätsbeleidigung und Denkmalsschädigung, wenn Ringsgwandl
in entmystifizierender Absicht als tuntig aufgemotzte Parodie dem heißgeliebten
Oberbayern den Herzensthron streitig macht. Und so hatten sich denn drei
schwarz gewandte Gestalten vor dem Theatereingang zur Mahnwache postiert,
die Gesichter verdeckt von Scharfrichter-Kapuzen à la Kini-Kulti-Klan,
zu Füßen Wappenschilder mit je einem Konterfei des Monarchen
nebst der ebenso schlichten wie merkwürdig zweifach getrennten Aufschritt
"Blas-phe-mie". - Ernst oder doch nur ein PR-Gag? Egal, eine bessere Werbung
hätte jedenfalls kein Marketing-Stratege ersinnen können, und
so wirkten selbst die herbeigerufenen Polizeibeamten wie Komparsen eines
Spektakels mit realsatirischem Effekt, einerseits.
Andererseits war die musikalische Ludwig-Revue auf der Bühne,
für die Ringsgwandl als Autor, Komponist, Bühnenbildner und Hauptdarsteller
ganz im Geiste des Vorbilds gesamtkünstlerisch verantwortlich zeichnet,
doch bloß eine kracherte Silvestergaudi, eine durchgeknallte Königskasperliade
und folglich der Empörung kaum wert. Draußen wittert man Blas-phe-mie,
drinnen beugt Ringsgwandl vor der Kitsch-Ikone allerliebst das Knie. Daß
er gerne Strumpfhosen trägt, weiß man aus seinen Soloprogrammen;
nun, bei seinem zweiten Ausfallschritt ins Musiktheater nach der ingeniösen
Schrott-Operette "Tankstelle der Verdammten" am selben Ort, bietet Ringsgwandl
die Königsrolle ausgiebig Gelegenheit, Bein zu zeigen: Im Trippelschritt
tänzelt er selbstverliebt die geschwungene Showtreppe hinab wie eine
glamouröse Diva, verschiebt das Parallelogramm des zierlichen Edelgebeins
in immer neue Winkel, kokett angeknickst das Spielbein, dann balletös
in gezierten Arabesken durch seine Schloßgemächer hüpfend,
die mit Glitterboden und Flittervorhang, hinter dem die sechsköpfige
Band aufspielt, eher an eine Dorfdisco gemahnen. Seitlich treppab angebrachte
Rutschen sorgen dafür, daß die Entourage hinter ihm bleibt und
doch schon wieder untertänigst unten bereit steht, um die Schleppe
aufzunehmen, bevor der Regent auf dem Fußweg angelangt ist.
Zum Lever rollert der Schauspieler Jörg Hube, ins schwarze Schlauchkleid
der Haushälterin wie in ein Gorilla-Kostüm gezwängt, mit
der Kleiderstange herein, denn es ist Krönungstag, der Prinz ob der
Garderobenfrage melancholisch umdüstert. Noch im Badeanzug lüpft
der Bayern-Hamlet tändelnd das güldene Mokka-Tässchen, schlüpft
sodann in die feschen Stulpenstiefelchen sowie ins schmucke Waffenröckchen
und drückt sich das in Kunstharz gegossene für die Ewigkeit ondulierte
Toupetchen aufs erlauchte, doch schüttere Haupthärchen. Zum Zobelmantel
trägt der effeminierte Ludwig Schmoll-Schnute, denn der Sinn steht
ihm mehr nach Maniküren als nach Regieren: Der Märchenkönig
als eitler Fant und ausgemachter Dummbeutel, der versonnen psalmodierend
sein Loblied höchstselbst anstimmt: Ich bin die Lichtgestalt von Nymphenburg,
der Hit von der Amalienburg" - Ringsgwandl singt und säuselt schön
schiefe Koloraturen im Kastratenton, sein Körper ruckt und zuckt im
Takt der zwischen Polka und Funk, Gstanzl und Rap locker wechselnden Schunkel-Songs
durch den Schnelldurchlauf der Lebensstationen und läßt keinen
Zweifel daran, wer in seinem Reich mit wahrhaft gloriosem Groove regiert.
Wie Planeten umkreisen die Hofschranzen den Sonnenkönig und wechseln
auf ihren Umlaufbahnen fliegend die Rollen, Jörg Hube droht etwa als
Königin Marie dem verschwendungssüchtigen Sohnemann mit der Höchststrafe,
sie werde ihm sein Lieblingsspielzeug namens Richard Wagner wegnehmen,
wofür der Gescholtene als Entschädigung einen Raddampfer fordert;
Muttern verlangt Fortpflanzung, Ludwig will jedoch seinen Stallknecht heiraten,
obwohl der evangelisch sei. Auch die eigens herbeigeeilte Cousine und Schwester
im Klischee Sissi kann ihm da kaum aus der Schwerenot helfen. Annika Pages
Elisabeth ist eine Disco-Schlange in Korsage und Lackstiefeln; im schönsten
Pawlatschen-Ton singt sie stimmkräftig von ihren Geheimdiäten
und der stets zu knappen Apanage, fegt über die Bühne als Donau-Domina,
um später die hochschwangere Cosima Wagner zu mimen. Rufus Beck in
der Rolle des Günstlings avanciert mit Samtbarett und umgehängtem
Keyboard vom gewöhnlichen Straßen-Schnorrer zum geriebenen Raffzahn.
Wacker artikuliert sich Beck durch die endlosen Stabreime wagnerianischer
Diktion und summt kongenial spinös den Wallkürenritt im Duett
mit seinem Gönner, verirrt sich zwischenzeitlich als Vincent van Gogh
ins Schloß, dem er dann doch die Psychiatrie vorzieht.
Insgesamt achtundsechzig Rollen werden von vierzehn Schauspielern und
Schauspielschülern gegeben, allein sechs davon hat Jörg Hube
inne, der als belfernder Bismarck den Beitritt Bayerns zum deutschen Bund
einfordert nach der Schlacht von Königsgrätz ("Da bin ich ja
nur noch Filialleiter", kommentiert der kindische König die Schmach),
und hat eine der besten Nummern, wenn er als aufs Altenteil geschobene
Haushälterin einen wunderbaren Bayern-Blues hinschmalzt und -seufzt.
Doch so aufgekratzt alle mitsingen und -springen, der King bleibt stets
Ringsgwandl, in Uniform oder später leger in getigerter Seidenbluse
durch seine schräge Version der Ludwig-Biographie rockend. Immer wenn
er eine Verschnaufpause einlegt, streckt rechtschaffen eingeübtes
Musical-Gehopse von Hilly-Billy-Holzhacker-Buam, Trachtlern und Wasserwachtlern
das Spiel und beschert ihm folglich so manche Länge. Man sieht den
Schweiß, den es kostet, die Verhältnisse im Stadttheater zum
Tanzen zu bringen.
Lustig ist das zwar allemal; doch die Diskrepanz, was es sich das Subventionstheater
kosten lassen muß, um im Resultat einem Szene-Brettl ähnlich
zu sehen, fällt schon auch auf. Immerhin hat man nebenbei einen kleinen
Coup gelandet. Genau in einem Jahr soll nämlich pünktlich zu
Silvester in Füssen, am Ufer des Forggensees und vis-à-vis
von Schloß Neuschwanstein, ein eigens errichtetes König-Ludwig-Festspielhaus
eingeweiht werden, das als strukturpolitische Investition den Kini vor
den Musical-Express spannt. Dem gänzlich ironiefreien 45-Millionen-Projekt
sind die Münchner jedenfalls mit ihrer sogenanten Punkoper zuvorgekommen.
Beim Füssener Weihespiel werden wohl mit Sicherheit all die Devotionalien
feilgeboten, die auch Ringsgwandl ursprünglich während der Pause
zum Kauf bereithalten wollte. Diese Pointe allerdings verbat die Theaterleitung
ihrem Gaudiburschen dann doch. CHRISTOPHER SCHMIDT